Glutensensitivität: Nachweis durch Blutproben bestätigt
Glutensensitivität – offiziell als Nicht-Zöliakie-Weizensensitivität (NZWS) bezeichnet – ist ein Krankheitsbild, das lange Zeit umstritten war. Betroffene klagen über ähnliche Beschwerden wie bei Zöliakie, ohne dass sich eine tatsächliche Zöliakie oder Weizenallergie nachweisen lässt. Eine 2017 veröffentlichte Studie des Columbia University Medical Center lieferte erstmals belastbare Hinweise darauf, dass es sich um eine eigenständige, biologisch messbare Erkrankung handelt.
Was zeigte die Columbia-Studie?
Die Forschergruppe um Dr. Armin Alaedini untersuchte Blutproben von Personen mit diagnostizierter Glutensensitivität und fand dabei erhöhte Marker für eine systemische Immunaktivierung – insbesondere erhöhte Lipopolysaccharid-bindende Proteine (LBP), die auf eine erhöhte Darmdurchlässigkeit hinweisen. Das bedeutet: Bei NZWS-Patienten reagiert der Darm auf Gluten mit einer Entzündungsreaktion, die sich im Blut messen lässt – auch wenn keine Autoantikörper wie bei der Zöliakie vorhanden sind.
Aktuelle Forschungslage (Stand 2025)
Die Wissenschaft hat seitdem deutliche Fortschritte gemacht. Eine 2024 in PubMed veröffentlichte Studie identifizierte bei über 50 % der NZWS-Patienten erhöhte IgG-Antigliadin-Antikörper (AGA) im Blut. Elektronenmikroskopische Analysen zeigten außerdem leicht verkürzte Darmzotten und erweiterte Zellverbindungen im Dünndarm – ähnlich wie bei Zöliakie, aber deutlich schwächer ausgeprägt.
Dennoch: Ein verlässlicher Einzeltest zur Diagnose der NZWS existiert bis heute nicht. Die aktuelle S2k-Leitlinie der DGVS empfiehlt daher weiterhin eine Ausschlussdiagnose:
- Zöliakie ausschließen (Bluttest + ggf. Darmspiegelung)
- Weizenallergie ausschließen (Allergietest)
- Beschwerdetagebuch führen
- Glutenfreie Ernährung testen und Symptome beobachten
- Gezielte Wiedereinführung von Gluten zur Bestätigung
Warum heißt es jetzt „Weizensensitivität” statt „Glutensensitivität”?
Die deutsche Leitlinie hat den Begriff angepasst: Gluten ist nur einer der möglichen Auslöser im Weizen. Auch andere Weizenbestandteile wie ATIs (Amylase-Trypsin-Inhibitoren) und FODMAPs (vergärbare Kohlenhydrate) können Symptome auslösen. Deshalb ist „Nicht-Zöliakie-Weizensensitivität” der wissenschaftlich präzisere Begriff.
Wie häufig ist NZWS?
Genaue Zahlen sind schwer zu ermitteln, da es keine objektiven Diagnosemarker gibt. Schätzungen aus Umfragestudien gehen von einer Prävalenz zwischen 0,5 % und 6 % der Bevölkerung aus – wobei Frauen häufiger betroffen zu sein scheinen als Männer.
Was bedeutet das für Betroffene?
Wer vermutet, an NZWS zu leiden, sollte dies nicht auf eigene Faust durch Weglassen von Gluten testen – zumindest nicht ohne vorherige ärztliche Abklärung. Denn wer vor einem Zöliakie-Test bereits glutenfrei lebt, kann falsch-negative Ergebnisse erhalten. Die richtige Reihenfolge: Erst Zöliakie ausschließen lassen, dann erst eine glutenfreie Ernährung ausprobieren.